Vorträge

Die Plenarvorträge am Nachmittag des ersten Kongresstages befassen sich mit verschiedenen Aspekten der Verkehrspolitik: Welche Bedeutung haben Regeln und Verbote für die Bewahrung der Freiheit der Allgemeinheit? Welche biologischen Anlagen steuern das Verhalten der Menschen und damit auch aller Verkehrsteilnehmer? Wie schaffen wir es, neue Verkehrsgewohnheiten entstehen zu lassen? Und wie steht es im öffentlichen Raum um die Flächengerechtigkeit?

14:15 Uhr

Prof. Richard David Precht  | Philosoph und Publizist, Leuphana Universität Lüneburg/Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin

Freiheit und Staat. Wie gestalten wir unsere Zukunft?
Während die drohende Klimakatastrophe und der Ressourcenverbrauch die Lebensgrundlagen unseres Planeten zerstören, werden Wege gesucht, mit denen der Mensch sein Verhalten möglichst wenig verändern muss. Zugleich machen sich Informatiker und Geschäftsleute daran, die Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz voranzutreiben. Ihr Ziel ist eine "Superintelligenz", die alles das können soll, was Menschen auch können, nur um vielfaches "optimierter". Ausgehend von einem völlig unzureichenden Menschenbild wollen sie ihren Maschinen eine Moral einprogrammieren. Was bedeutet es für die Zukunft des Verkehrs, wenn das autonome Fahren Einzug hält und Autos künftig von Künstlicher Intelligenz gelenkt werden? Welche Konsequenzen hat es den Rad- und Fußverkehr?

In den Niederungen der Gegenwart tobt der Verteilungskampf um Verkehrsraum und um Dominanz. Den Status Quo zu verändern und der aktiven Mobilität einen größeren Stellenwert zulasten des MIV zu geben ruft massive Widerstände hervor. Eine sachliche Auseinandersetzung über Verkehrsfragen wird oft zur ideologischen Freiheitsdebatte. Tempolimit, Diesel-Fahrverbote, Rückbau von Straßen oder ein Umbau der Städte mit dem Ziel, mehr Lebensqualität zu erreichen - all dies sind Reizworte. Dabei leben wir seit jeher mit Ge- und Verboten, mit Gesetzen, Regeln und Normen, ohne dies als Drangsalierung zu empfinden. So geht es auch in der verkehrspolitischen Diskussion darum, ein Gemeinwohl zu definieren und Regeln darauf auszurichten, dass sie im Ergebnis größtmögliche Freiheit für die Allgemeinheit ermöglichen.

Wie also sollte die Freiheit auf der Straße aussehen? Welche Regeln brauchen wir dafür? Und welche Rolle kann der Staat spielen, um diese zu gestalten?

15:15 Uhr

Dr. Elisabeth Oberzaucher | Verhaltensbiologin an der Universität Wien und wissenschaftliche Direktorin von Urban Human

Evolutionsbiologische Überlegungen zur Verkehrswende
Mobilität spielte auch in der Evolutionsgeschichte der Menschen eine zentrale Rolle. Gemeinsam mit den ökologischen Rahmenbedingungen, die über lange Zeit unsere Lebensumwelt prägten, entwickelten sich Verhaltenstendenzen, die bis heute beobachtbar sind. Um den physiologischen Energieaufwand zu reduzieren, und keine kognitive Überlastung zu erleiden, entstanden Vorlieben für motorisierte und individualisierte Mobilität. Es gilt also, evolutionär entstandene Muster zu überwinden, um die Herausforderungen der Klimakrise zu bewältigen. Um dieses Ziel zu erreichen, können Ansätze hilfreich sein, die entlang der biologisch verankerten Verhaltenstendenzen agieren, und so nachhaltiges Verhalten attraktiver machen.

Dieses “Behavioral Nudging” führt dazu, dass Menschen sich für nachhaltige Mobilität entscheiden, ohne das Gefühl zu haben, auf etwas zu verzichten. Hierbei spielen einerseits soziale Faktoren eine wichtige Rolle, andererseits aber auch die Nutzungsfreundlichkeit und die Wertigkeit, die wir mit bestimmtem Verhalten assoziieren. Wenn es gelingt, nachhaltiges Verhalten zum Statussymbol zu erheben, wird es an sich erstrebenswert und massentauglich. Nur wenn die Menschen im Zentrum der Überlegungen stehen, kann die Verkehrswende gelingen. Wenn wir uns alleine auf technische Entwicklungen verlassen, wird die Lösung des Problems misslingen.

16:00 Uhr

Anne Klein-Hitpaß | Agora Verkehrswende, Stiftung Mercator

Öffentlicher Raum ist mehr wert | Wie Städte die Mobilitätswende vorantreiben und für mehr Lebensqualität sorgen können
Das Verkehrswachstum und die Motorisierung schreiten in Deutschland ungebrochen voran – mit negativen Auswirkungen auf unsere Städte: Immer mehr Fahrzeuge  verstopfen die Straßen, die Qualität der Atemluft und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum lassen zu wünschen übrig – ganz zu schweigen vom Sicherheitsrisiko für Radfahrende und Menschen, die zu Fuß unterwegs sind.

Dabei ist die Art und Weise, wie Städte Mobilität gewährleisten und Verkehr bewältigen von zentraler Bedeutung für ihre Zukunftsfähigkeit: Städte müssen nicht nur ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten, sie müssen auch die Lebensqualität gewährleisten – und beides, ohne die Mobilität der Menschen einzuschränken. Dafür braucht es die Mobilitätswende. Sie gelingt nur dann, wenn der öffentliche Raum in Zukunft allen Menschen gerechter zur Verfügung steht.

Der Vortrag stellt dar, wie Kommunen die Flächennutzung gezielt steuern können. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Parkraummanagement. Es schafft Platz für alle, die zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad, dem Bus oder der Bahn unterwegs sind. Auch wenn der rechtliche Rahmen den Kommunen oft Stolpersteine in den Weg legt, können Städte und Gemeinden vorhandene Spielräume schon heute nutzen, um öffentlichen Raum in Wert zu setzen und für Fairness bei der Flächennutzung zu sorgen.

17:00 Uhr

Ineke Spapé | Radprofessorin an der Universität Breda (NL)

Städte zum Leben
Immer mehr Menschen ziehen in die Ballungsräume oder pendeln in die Zentren zur Arbeit. Die Folge ist ein wachsendes Verkehrsaufkommen mit den entsprechenden Belastungen. Für die Kommunen wird es daher immer wichtiger, Antworten zu finden auf die Frage: Wie können Städte gestaltet werden, damit sie ein guter Lebensraum für Junge und Alte, Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit verschiedenartigen Interessen und Vorlieben sind? Welche Planungen sind erforderlich für lebendige Städte mit Lebensqualität, sich positiv entwickelndem Einzelhandel und prosperierender Wirtschaftsentwicklung?

Vielen gelten die Niederlande als Vorbild für lebenswerte Städte. Doch auch hier ist die Entwicklung nicht vom Himmel gefallen und es wurden auch Fehler gemacht, aus denen zu lernen war. Auch in Holland gibt es immer wieder Streit um die richtige Ausrichtung der Verkehrspolitik. So stellen sich diese Fragen: Welche Weichen müssen wir hierzulande jetzt stellen, um rasch zu guten Ergebnissen zu kommen? Welche Stakeholder müssen frühzeitig einbezogen werden, damit Planungen nicht torpediert werden?