Vorträge

Die Plenarvorträge am Nachmittag des ersten Kongresstages behandeln übergreifende Themen wie „Lebensraum Straße“, „Mobilität und gesellschaftliche Werte“ und „Transformation der Straße“. Ein kompakter Impulsvortrag über aktuelle Trends im Radverkehr leitet über zur Podiumsrunde mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Verbänden und Wissenschaft.

Mikael Colville-Andersen, CEO Copenhagenize Design Co.

Lebensraum Straße

Seit Menschen in Ballungsräumen siedeln, seit etwa 7000 Jahren, haben Straßen und Plätze eine zentrale Bedeutung für das Zusammenleben. Bis zur Entwicklung des motorisierten Individualverkehrs waren sie höchst kommunikative Orte. Hier begegnete man sich, teilte Erfahrungen, tauschte Neuigkeiten aus, arbeitete, half sich, spielte, tanzte und feierte. Bis zur Entstehung des Automobils waren Straßen und Plätze multifunktionale, demokratische Räume.

Diese Zeiten sind vorbei. Im Zuge der Massenmotorisierung haben wir es im letzten Jahrhundert zugelassen, dass der öffentliche Raum seine kulturelle Dimension fast vollständig verloren hat. Politiker und Verkehrsplaner haben die städtische Infrastruktur dem Kfz-Verkehr vollständig untergeordnet. So sind hierzulande Städte entstanden, in denen wirklicher Lebensraum vorwiegend im Privaten zu finden ist. Heutzutage nutzen wir die meisten Straßen nur noch, um schnell von A nach B zu kommen oder Autos zu parken.

Doch mittlerweile beginnt in Politik und Gesellschaft ein Umdenken. Die Städte wachsen und die Menschen wünschen sich Lebensqualität. Erste Ansätze machen deutlich, dass attraktive Städte entscheidend durch die Gestaltung des öffentlichen Raums geprägt werden.

Mikael Colville-Andersen aus Kopenhagen empfiehlt bei der Aufteilung des städtischen Raumes einen Perspektivwechsel. Ziel der Verkehrsplaner darf es nicht mehr sein, möglichst viele Autos durch die Straßen zu bewegen. Der Mensch muss im Mittelpunkt der Straßengestaltung stehen. Dies führt zu modernen und visionären Konzepten, die auch noch günstiger zu realisieren sind.

Prof. Dr. Klaus Töpfer, ehemaliger Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und ehemaliger Bundesumweltminister

Mobilität - demographischer Wandel - gesellschaftliche Werte

Bis zum Jahre 2050 wird die Weltbevölkerung auf rund 9 Milliarden Menschen anwachsen. Diese werden zunehmend in verdichteten, städtischen Siedlungsstrukturen leben. Dies hat Konsequenzen für alle Bereiche der Infrastruktur und alle Umweltauswirkungen. Lineares Denken, das immer zum Prinzip Wegwerfen führt, ist in einer solchen Welt nicht mehr denkbar. Nur in einer konsequenten Kreislaufwirtschaft kann es Grundlagen für eine Zukunftsgestaltung in Frieden geben.

Eine zentrale Bedeutung kommt dabei der Energieversorgung der Städte in den drei Bereichen Strom, Wärme und Mobilität zu. Eine nachhaltige, eine "Smart City" wird eine Stadt sein, die ohne fossile Energieträger wirtschaftlich wettbewerbsfähig funktioniert und mit höchster Effizienz die Erwartungen der Menschen an Mobilität, an Wärme und Kühlung, an Beleuchtung erfüllt.

Dieses Ziel erfordert in der Mobilität gebieterisch eine städtische Planung, die erzwungene Mobilität abbaut und der Automobilität zunehmend enge Grenzen setzt. Der Fußgänger, der Radfahrer und der öffentliche Personenverkehr werden die Mobilität in den Städten der Zukunft tragen.

Es geht also um einen gesellschaftlichen Wertewandel, der – über das wirtschaftliche Wachstum hinaus – im Sinne einer „Wende zum Genug“ nicht nur die Effizienz, sondern auch die Suffizienz mit einbezieht.

Der Vortrag zum Nachhören:

Dipl.-Ing. Franz Linder, Planerbüro Südstadt / P3 Agentur, Köln - im Auftrag der AGFS

Die Transformation der Straße

Wir befinden uns, vor allem in den Ballungsgebieten, im Übergang zu einem neuen Verständnis von Mobilität. Zwar bleibt eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur weiterhin die elementare Bedingung für Mobilität. Es kommen jedoch weitere Anforderungen an die Gestaltung des öffentlichen Raums hinzu. Im Fokus der aktuellen Verkehrsplanung steht deshalb die Frage, inwieweit die bestehende, primär auf die Belange des privaten PKW ausgerichtete Verkehrsinfrastruktur in eine andere „urbane Gestaltform“ umgewandelt werden kann: Eine Verkehrsinfrastruktur, die den vielfältigen Ansprüchen an Wohnverträglichkeit, Aufenthalt, Kinderfreundlichkeit, Gesundheit, Lebensqualität und Barrierefreiheit gerecht wird. Die AGFS plädiert für eine „bewegungsaktivierende“ Infrastruktur, die über ihre Ausgestaltung und großzügige Dimensionierung hinaus vielfältige urbane Nutzungen zulässt und wirksame Anreize für eine gesunde Nahmobilität bietet.

Kernaufgabe der kommunalen Stadt- und Verkehrsplanung in den nächsten Jahrzehnten ist damit eine Transformation der bestehenden Stadt- und Verkehrsräume. Ziel ist die Realisierung von lebendigen Straßen und Plätzen, die sich wieder neu auf den „Maßstab Mensch“ beziehen und adäquaten Raum für körperaktive Bewegung bieten: Eine „gesunde Stadt“, in der Nahmobilität „Basismobilität“ ist, also ein Großteil der persönlichen Alltags- und Freizeitwege zu Fuß und/oder mit dem Fahrrad abgewickelt und Freizeit im Sinne von Bewegung, Spiel und Sport gestaltet wird. Die Zielmarke der AGFS ist, dass 60 Prozent der Wege zu Fuß und mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Das Potenzial hierfür ist in jedem Fall gegeben.

Burkhard Stork, Bundesgeschäftsführer Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e.V. (ADFC)

Aktuelle Trends im Radverkehr

Viele Fachleute reden über den Radverkehr – aber was wollen die Radfahrer eigentlich selbst? Zwar ist die Zielgruppe sehr vielschichtig, dennoch zeigen die Erfahrungen im In- und Ausland, welche Bedürfnisse vorrangig sind und welche Rezepte gut funktionieren. Dabei geht es vor allem darum, Hemmschwellen abzubauen, die gegenwärtig Menschen vom Radfahren noch abhalten. Denn es braucht „einladende“ Rahmenbedingungen, damit mehr Menschen gerne und öfter das Fahrrad als Verkehrsmittel nutzen.

Eine Reihe von Umfragen, aber auch die Empirie geben deutliche Hinweise auf nachhaltig zielführende Maßnahmen. Burkhard Stork fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und berichtet über erfolgreiche Beispiele aus dem In- und Ausland. Mit einer konsequenten Umsetzung könnte auch Deutschland der Quantensprung zu mehr Radverkehr endlich gelingen.